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FestSpiele-Tagebuch

FestSpiele-Tagebuch

8. Festspiele des Denkens vom 03. – 06.10.2013

 

Dr. phil. Christoph Quarch  

Der Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Kursleiter, Veranstaltungsmacher und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda.  Autor und Herausgeber von knapp 30 Büchern, z.B. “Und Nietzsche lachte (Kailash, 2012)“, www.lumen-naturale.de

 Philosophisch-poetisches Tagebuch Weimarer Visionen 2013

1. Hochzeit

In der Nacht hat es gefroren, zumindest unten im Park, wo die Ilm sich schläfrig durch die rauhreifen Auen räkelt und die ersten Herbstfarben in der Morgensonne als ein leuchtendes Bild ineinander spielen. Still und freundlich grüßt da zwischen den alten Bäumen das Haus des Dichters – ein Gruß, der sich leichtfüßig fügt in die Poesie des Morgens: als erste Strophe eines Gedichtes, das den Titel „Weimar“ trägt und dessen Fortgang diese Tage schreiben werden: sinn-volle Tage, die verheißen sind. Tage, die aus Sinn und Sinnlichkeit gewoben sind. So wie der freundliche Garten, der mich umfängt. Alles ist sinnvoll, alles rührt die Sinne, alles singt vom Sinn des Lebens. Hier ist keine Trennung, hier ist keine Scheidung von Geist und Natur. Hier stimmt es, hier ist alles im Spiel, alles ein Spiel – ein geist-reiches Spiel, ein Festspiel zu Ehren der Götter, die dem Dichter hier erschienen. Hier schwingt die Seele im Einklang mit den stolzen Eichen und mächtigen Buchen, hier fließt sie mild durch die taunassen Wiesen. Hier ist es gut.

Mein Weg führt zum Schloss. Auch dort wird es Festspiele geben – Sinnspiele. Werden sie gelingen? Werden sie resonant schwingen mit dem Morgenlied des Gartens? Erwartungsvoll gestimmt ist mein Herz. Hochgestimmt – denn es ist Hoch-Zeit. Die Familie der Weimarer Visionen trifft sich wieder. Und es tut wohl, ihr zuzugehören. Sie trifft sich zur Hoch-Zeit: zum Hochzeitsfest von Sinn und Sinnlichkeit. Werden wir ihren Bund bezeugen? Der Dichter hätte seine Freude daran: Goethe, dessen Geist ich in der Frühe suchte und fand. Möge er den Weimarer Visionen 2013 seinen Segen geben! Jetzt geht’s los.

2. Der Warthegorische Imperativ

Ein Schwabe – ein Oberschwabe, um es genau zu sagen – in Weimar. Nein, nicht von Wieland, dem „schwäbischen Orpheus“, ist die Rede, aber immerhin doch von Warth; Johannes Warth, Moderator und Redner seines Zeichens. Er begrüßt zu unseren, wie er sagt, Sinn-Spielen des Denkens. Er inszeniert dann aber erst einmal die Wort-Spiele des Moderierens und begrüßt seine Gäste: die Sinn-Sucher und die Sinn-Finder, die Sinn-Pathischen und die Unsinn-Pathischen. Eigentlich alle, nur die Wahnsinnigen hat er vergessen. Vielleicht deshalb, weil er selbst ein bisschen wahnsinnig ist, der Herr Warth. Wahnsinnig gut als Redner, wahnsinnig auch als Drummer, sie sich noch zeigen wird, vor allem aber wahnsinnig verspielt. Was passt, denn wir sind ja zu Fest-Spielen hier und dahin gehört eben immer auch eine Prise von jenem heiligen Wahnsinn, den schon Platon rühmte, als er von der Ausfahrt an einen Überhimmlischen Ort sprach, wo die Seele in ekstatischem Rausch dem Sinn des Lebens nackt, leuchtend und in voller Schönheit begegnet.

Womit wir wieder beim Thema wären: Sinn und Sinnlichkeit – die vielen Sinne und der eine, große Sinn. Warth macht’s genauer und schickt sich an, seinem staunenden Publikum acht Sinne nahezubringen. Die fünf bekannten (jetzt kommt wieder das Problem mit der Reihenfolge, also: Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, Sehen), dann der sechste Sinn für was weiß ich was (hab’s vergessen), der siebte Sinn namens Intuition und der achte Sinn, den Achtsam-Sinn, den der Oberschwabe vorwiegend im Sinn für die Pünktlichkeit manifestiert sehen will…

Der Eros – womit nun auch der Name jenes Heiligen Wahnsinns genannt ist, den Platon rühmte – für die Sprache, der sprüht aus allen Poren dieses Moderators, der alles außer Hochdeutsch mag. Lustvoll ermutigt er sein Auditorium, lustvoll Nett-Working zu betreiben und dafür aus der Komm-Vor-Zone herauszutreten. Vor allem aber ermuntert er zum Hören auf die Sprache– auch Heideggers Geist ist also zugegen; klar bei einem Schwaben, denn der große Denker kam aus Messkirch – der, der einst sagte: „Die Sprache spricht“.

Zum Hören aber ermuntert Warth und spielt gleich weiter, indem er seinen Ball den Initiat-Ohren zuwirft: denen, die Ohren haben zu Hören und denen die Entdeckung – oder etwa Er-Hörung? – all der aktiven Mitspieler dieser Sinn-Spiele zu danken ist. Was sie sich denn wünschen für diese Tage, will Warth wissen, und dabei kommen ein paar hübsche Erkenntnisse zusammen: ein feines Sträußchen von fünf GleichgeSinnten. Uli Bauhofer zitiert Marc Twain: „Die zwei wichtigsten Tage in deinem Leben: der Tag, an dem du geboren wurdest und der Tag, an dem du herausfindest wofür“. Christoph Santner lässt sich von Goethe inspirieren und freut sich auf das „Treffen der Wahlverwandten“ (Möge es besser enden, als in Goethes gleichnamigem Roman!). Und Daniela Sandvoss erinnert daran, dass ohne die Liebe eh alles UnSinn ist.

Danach legt Warth noch einmal los. Am Ende seines Vorspiels und als Einstimmung seiner Hörerschaft offenbart er endlich das, was ich den Warthegorischen Imperativ nennen möchte. Er lautet: „Wenn du morgens aus dem Badezimmer gehst, dann sage dir: Das Beste, was den Leuten heute begegnen kann, bin ich. Kannst du das nicht sagen, dann bleib im Badezimmer.“ Na denn.

3. 35 Prozent

Himmel, wie schön es doch im Stadtschloss ist. Wieder bin ich durchs Gentzsche Treppenhaus hinaufgestiegen, habe der Götter alle gegrüßt – Apollon und Athene, Artemis und Hermes – bin vorbei geschritten an den wunderbaren Porträts von Angelika Kaufmann und der lieblichen Büste von …. (Mist, vergessen) in den großen Festsaal, dessen Wände ebenfalls gesäumt sind von klassischen Statuen – Erinnerungen an eine Welt, in der der nackte Leib des Menschen ein Gefäß der Götter war. Waren Sinn und Sinnlichkeit je einander näher als im alten Griechenland – als die Nackten Götter waren und nicht seriell verfertigte Konsumgüter einer pornographischen Welt? Fand sie hier nicht für jedermann sicht- und fühlbar statt: die heilige Hochzeit von Sinn und Sinnlichkeit?

In solche Gedanken bin ich versunken, da beginnt Tatjana Schnell ihren Vortrag und zitiert den Philosophen Georgi Schischkoff: „Sinn ist die einer Sache oder einer Handlung beigelegte Bedeutung“. Argh, das schmeckt mir ja gar nicht. Auch nicht die These, dass Sinn das Ergebnis subjektiver Konstrukionsprozesse ist. Nein, das mag ich nicht glauben. Denn was wäre das für ein Sinn, den wir uns selbst machen könnten? Nicht, was wir mit Bedeutung versehen, ist sinnvoll, sondern was uns eine Bedeutung gibt. Denn haben wir nicht alle schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sich etwas, das wir für total bedeutend oder bedeutungsvoll hielten, als total sinnlos entpuppt hat? Weil es nicht gut war, weil es nicht stimmte. Nicht, was wir für wertvoll oder nützlich halten, öffnet uns nachhaltigen Sinn, sondern das, was uns etwas angeht und berührt.

Es mag ja sein, dass viele Menschen das heute anders erleben. Und genau davon spricht Frau Schnell, sehr eloquent und angenehm. Ich höre ihr gerne zu, und ich finde es interessant zu erfahren, dass den Menschen heute mehrheitlich als sinnvoll gilt, was sie als bleibend hinterlassen können. „Generativität“ stehe ganz oben in den Charts der Sinnstifter, erklärt sie. Aber ob sie mit dieser Haltung auch tatsächlich Sinnperspektiven für sich erschließen können? Jedenfalls frage ich mich, ob womöglich gerade diese Sinnerwartungen der modernen Menschen der Grund dafür sind, dass es heute so viele gibt, denen die Sinnfrage am Allerwertesten vorbei geht: 35 Prozent der Deutschen, so referiert sie aus einer von ihr erarbeiteten Erhebung, 35 Prozent seien existenziell indifferent. Ich übersetze: mehr als jeder dritte Deutsche hat vergessen, dass er die Frage nach dem Sinn vergessen hat. Bei den Unter-26-Jährigen sogar 40 Prozent, fast jeder Zweite. Das erschüttert mich. Und es tröstet wenig, wenn Frau Schnell erwähnt, dass diesen Menschen gar nichts fehlt – zu fehlen scheint. Sie fühlen sich so lala – kein Leiden, keine Leidenschaft, immer im Mittelmaß. Unwillkürlich fallen mir diejenigen Wesen ein, die Nietzsche als „letzte Menschen“ verspottet:

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. […]

Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sind wir wirklich da gelandet: 40 Prozent der jungen Leute. Unfassbar. Als wir jung waren, da waren wir doch nicht existenziell indifferent. Da hatten wir Hunger auf Leben, da litten und liebten wir und träumten vom Sinn. Himmel, das stimmt mich traurig. Wo ist nur der Sinn geblieben?

4. Wildgänse

Wieder im Hotelzimmer. Kurz durchatmen, bevor’s ins „Mon Ami“ geht… – und rasch ein paar Notizen schreiben. Schwierig, der Tag war so voll. Was ist hängen geblieben? Oder besser: Was ist meine Erkenntnis?

Sinn ist das Bewusstsein von Ganzheit.

Wie wär’s damit? Oder vielleicht noch passender:

Sinn ist das Bewusstsein von stimmiger Ganzheit: von dem Ereignis der stimmigen Verbundenheit mit sich und dem Anderen – den anderen Menschen, der Natur, der Welt. 

Womit sich schon wieder der Geist des guten Goethe eingeschlichen hat:

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis!

Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles!
Kein Lebend’ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles.

Ich glaube, das würde Andreas Weber auch gefallen – ihm, dem erotischen Ökologen. Wovon hat er doch gleich gesprochen: von der Berührung der Körper, worin sich Sinn zeugt, von dem großen Lebenszusammenhang, in dem die Grenze von Innen und Außen verfließt, da sich alles Lebendige ständig seiner selbst entäußert und alles andere verinnerlicht: Ich atme mich aus, ich atme dich ein. Sprach er nicht davon, wie alle Wesen in einem ewigen Wechsel von Angezogen-Sein und Bezogen-Sein miteinander spielen – und dass eben dieses Spiel das Sinnvollste ist: ein Liebesspiel, ein Gespräch, ein erotischer Akt? Etwa dann, wenn die Ozeane der Erde sich liebend zum Mond hin strecken und darin ihre Verbundenheit bekunden. Oder dann, wenn die Erde den hüpfenden Referenten kraftvoll und bestimmt zu sich ruft, weil sie ihn mittels ihrer Anziehung an sich bindet. 

„Bleibt der Erde treu!“, fällt mir da ein anderes Nietzsche-Wort ein. Und noch passender: „Die Erde sei der Sinn des Lebens!“ (Also sprach Zarathustra). Der Erde treu bleiben. In der Verbundenheit. Im Spiel der Leiber und der Geister – unterschiedslos, innen=außen: das wäre der Hochzeitstanz des Lebens, das große Liebesspiel von Wesen, die – wie ich Andreas verstehe – nur deshalb die sind, die sie sind, weil sie in Beziehung zu anderen stehen. Und die deshalb ihre Lebendigkeit dort verwirklichen, wo die Beziehung gelebt wird – in der Liebe.

Mir gefällt das. Und mir fällt noch etwas ein. Wieder ein Schwabe: Hölderlin. „Seit ein Gespräch wird sind und hören voneinander…“ hat er einmal die Essenz des Menschseins verdichtet. Wir sind ein Gespräch. Wir hören voneinander, sind Initiat-Ohren des Lebens, wenn wir achtsam lauschen und ver-antwortlich antworten auf das, was uns das Leben sagt. Und immer dann, wenn wir dabei Übereinstimmung finden, dann … geschieht Sinn.

Sinn wird geboren, wo in liebender Berührung die Getrennten sich finden.

Großartig: das Gedicht, mit dem Andreas schließt. Wild Geese, von Mary Oliver. Man muss es aber ganz hören:

You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
For a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about your despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting –
over and over announcing your place
in the family of things.

Ist das Sinn: Seinen Platz finden in der Familie aller Dinge – Zugehörigkeit, Verbundensein, In-Übereinstimmung-Sein mit dem Ganzen?

Ich will’s genauer wissen und begleite Andreas auf einen Spaziergang mit Erbse, seiner treuen, vierbeinigen Begleiterin. Was für ein Genuss: philosophierend über Goethes Programm einer poetischen Naturwissenschaft lustwandeln wir in Richtung Gartenhaus, ein Feuerwerk von Gedanken. Und immer wieder dieses Thema der heiligen Hochzeit von Sinnlichkeit und Sinn, um die wir ringen, auch wenn wir sie in anderen Worten beschreiben. Ich rede von einer neuen Renaissance, Andreas von Bio-Poetik. Aber am Ende entdecken wir unsere gemeinsame Sehnsucht nach einer sinn-volleren Deutung der Welt, die Ernst macht mit dem Sinn und dabei auch Nietzsches glühendem Appell folgt: „Bleibt der Erde treu, glaubt denen nicht, die euch überhimmlische Seligkeiten versprechen, Giftmischer sind sie und Verächter des Lebens…“

Tja, und so kommt es, dass ich viel zu spät zu dem Funken sprühenden Prof. Beck komme. Ein katholischer Priester, Philosoph, Apotheker – Himmel, ich hab vergessen, was er alles ist. Jedenfalls eine Art Universalgenie, nur noch getoppt vom jungen Amadeus Wiesensee, der uns zu später Stunde als Meisterpianist, Anselm-Kommentator und Abi-Jahrgangsbester präsentiert wurde. Verflixt, manchmal kommt man sich sehr banal vor.

Gleichviel. Ich komme also zu spät und reibe mir verdutzt die Augen. Was höre ich da? Eine Art Confessiones – ein Mann, der die Bibel im Mund führt und sich seines christlichen Bekenntnisses nicht schämt. Viel bekomme ich ja nicht mehr mit von ihm, aber ein bisschen bleibt doch hängen: „Christentum“, sagt er, „ist Lebensentfaltungsphilosophie“. Nur einen Sinn habe das menschliche Leben: zu blühen und Früchte zu tragen. Es gehe darum, den Menschen groß zu machen und nicht klein. Und dafür empfiehlt der fromme Mann das Vertrauen auf die innere Führung. Sie sei es, die uns den Weg zum Sinn weise. Immer neu. Nicht: „Was will ich?“ sei die Frage, deren Antwort Sinn ist, sondern: „Was will Gott von mir?“ Naja, warum auch nicht. Auch wenn mir die etwas säkularere Variante des gleichen Motivs vom großen Viktor Frankl besser gefällt: Nicht gehe es darum zu fragen „Was habe ich noch vom Leben zu erwarten?“, sondern: „Was erwartet das Leben von mir?“

5. Gletschergeflüster

Eigentlich finde ich Preisverleihungen schrecklich. Ganz im Ernst. Immer wenn ich von irgendwelchen Awards und Auszeichnungen lese, denke ich mir: Muss das denn nun auch noch sein? Vor allem dann, wenn am Ende immer dieselben üblichen Verdächtigen mit den entsprechenden Preisen ausgestattet werden. Als ob es nur darum ginge, dass sich die Preisstifter mit ihren Preisträgern schmücken können. Aber hier ist das anders: Hier werden Leute prämiert, die ich noch nicht kenne. Und das gefällt mir. Endlich mal eine Preisverleihung, die neue und überraschende Gesichter bringt: Serafine Lindemann etwa, die frei Kuratorin aus Stuttgart, dank deren Engagement man heuer eine Telefonnummer wählen und am anderen Ende die Stimme eines Gletschers vernehmen kann – auch so eine Symbiose von Sinn und Sinnlichkeit, die uns Menschen einlädt, der Erde treu zu bleiben – vielleicht auch, das Eis im eigenen Herzen zu schmelzen, wie der Eskimo-Schamane Angaangaq so treffend auffordert. Als ich vor Jahren bei ihm in Grönland war, habe ich notiert: 

Der Gletscher sagt: Ich bin dein Leben
ich weiß von dir mehr als du denkst
Jahrtausende hab ich gesehen
und nichts vergessen, was geschah,
in mir schläft aller Sinn der Erde
ist es nun Zeit ihn preiszugeben
so höre, höre, lass es schmelzen
das Eis, das dir dein Herz beengt
komm, höre, höre meine Stimme,
die heimlich, schweigend zu dir spricht
und dich erinnert an die Liebe
die alles weiß und alles eint.

Ein schönes Fest ist das. Wunderbare Gesellschaft, inspirierte Gespräche, gemeinsames Staunen, gemeinsames Lachen. Die Familie feiert sich und das Leben. Und reibt sich verdutzt die Augen ob des jüngsten Preisträgers namens Amadeus Wiesensee, dessen jugendliches Genie nachgerade Erschütterungen auslöst. Begnadeter Pianist, Philosoph, dabei auch noch sympathisch und immer lächelnd. Ist der alte Amadeus zurückgekehrt? – Ist er in den Wiesensee gefallen und hat sich in neuem Fleischerl inkarniert? Unter Umgehung der Pubertät womöglich, von der er ja damals mehr als genug gekostet hatte? Keine Ahnung, jedenfalls sind wir alle Baff und schütten uns erst mal ein Glaserl hinter die Binde. Halleluja! Ein Hoch auf Amadeus II.

6. Das große JA

Nun kommt er endlich doch zur Sprache: Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse. Natürlich nicht persönlich, aber beinahe, denn Alfried Längle aus Wien spricht zu uns – vielleicht tatsächlich der Statthalter Frankls auf Erden, wie der unnachahmlich Warth anmoderiert – heute übrigens Schmuck im Trachtenjankerl. Große Freude allzumal, denn als ich mein jüngstes philosophisches Buch „Und Nietzsche lachte“ schrieb und dabei eine philosophische Theorie des Sinns entwickelte, habe ich Maß genommen an Viktor Frankl und an seinen unfassbaren Sinn-Erfahrungen im Konzentrationslager. Und nun darf ich in Weimar einen leibhaftigen Frankl-Schüler hören, und nicht nur irgendeinen, sondern einen besonderen: einen, der Fankls Geist verinnerlicht hat.

„Was heißt Sinn überhaupt?“, fragt er gleich zu Beginn und erinnert an die vielen Bedeutungen des Wortes „Sinn“: Sinnesorgane, Uhrzeigersinn, Etwas im Sinn haben, Sinn machen, Wortsinn, Lebenssinn. Wie passt das alles zusammen? Warum fragen wir nach Sinn? Längles und Frankls Antwort ist ganz einfach: Weil wir wissen wollen, um was es in unserem Leben geht. Weil wir wissen wollen, worin wir stehen und wohin wir gehen. Und weil wir wissen wollen: Wofür bin ich auf der Welt? Warum gibt es mich überhaupt? Oder: Warum gibt es überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts? Wir wollen verstehen, wie alles vernetzt, wie alles verbunden ist.

Womit der roten Faden des gestrigen Tages wieder aufscheint: Sinn und Verbundenheit, Sinn und Ganzheit. Die Sinnfrage beantwortet sich nach Maßgabe des Ganzen. Sinn ist, was dem Ganzen dient. 

Wir brauchen Sinn, um Orientierung zu finden – und wir entdecken ihn, indem wir Maß nehmen am Eingebundensein ins Ganze, entwickelt Längle. Wie Recht hat er doch, wo er sagt, dass dieses Verständnis von Sinn viel umfassender ist als das einer rein konstruierten Bedeutungszuschreibung. 

Denn beim Sinn geht es wirklich ums Große und Ganze. Es geht ums Gute: Wozu ist etwas gut? Und wie kann aus dem, was ist, etwas Gutes werden? Diese Fragen brennen uns alle unter den Nägeln: die ontologische Sinnfrage (nach dem Sinn des Seins) und die existenzielle Sinnfrage (nach dem Sinn des Lebens). Die ontologische Sinnfrage fragt nach dem Woher und Warum, die existenzielle Sinnfrage fragt nach dem Wohin und Wozu.

Ich schreibe fleißig mit; so gut gefällt mir, was Längle ausführt: Sinn ist Ausrichtung auf einen Wert, auf das Gute. Sinn ist folglich in der Aktivität, im Tun, in der Bewegung nach vorn. Sinnvoll leben heißt: Richtungen nachgehen, die irgendwohin führen. „Aber wohin?“, frage ich mich und beginne einen inneren Dialog mit Längle: „Zum Stimmigen“ ist meine Antwort: „dahin, wo wir mit uns und der Welt übereinstimmen und wo wir uns und die Welt gut-heißen, bejahen können“. Bei Längle klingt es etwas anders. Er sagt „Die Richtung, die sinnvolle Richtung, gibt uns ein Wert; das, was uns wertvoll erscheint“. – „Gut, aber was hat… Wert?“, frage ich und antworte wieder: „Eben das Stimmige, das Gute – das, was für sich und aus sich wertvoll ist; und nicht deshalb, weil es uns nach Maßgabe unserer Ideen und Konzepte vom Leben nützlich erscheint. Da bin ich mit Längle ganz d’accord: Es geht nicht um subjektive, persönliche Ziele, nicht um Wunscherfüllung. Es geht nicht um die Konstruktion von Bedeutungen. Nein, es geht um mehr, um Orientierung auf etwas Wertvolles, auf etwas OBJEKTIV Wert- und deshalb auch Sinnvolles.

Warum ist das so? Weil Ziele immer subjektiv sind – immer relativ, auf den, der sie sich steckt. Ziele fallen auf mich zurück. Sinn jedoch ist etwas Absolutes. Sinn ist größer als ich. Ziele lassen mich immer bei mir, Sinn hingegen transzendiert mich, lässt mich über mich hinauswachsen. Sinn ist das künftige Gute. Er strahlt in das Leben und durchstimmt es. „Die Sinnfrage lautet: Stimmt die Richtung?“, sagt Längle.

Und nun folgt mein Highlight seines Vortrags. Denn nun spricht er vom „Schlüssel der Sinnfindung“: Er heißt: Offenheit, Empfänglichkeit. Wer Sinn entdecken will, muss dem Leben in einer offenen und empfänglichen Haltung begegnen. Er fragt: Was will die Situation von mir? Er lässt sich ein auf die Welt, lässt sich in Anspruch-Nehmen von Leben. So dass das Leben zu einer ver-antwortungs-bewussten Antwort auf den Anspruch des Lebens wird. Sinnvoll leben ist anspruchsvoll leben – und verantwortlich leben.

Mir fällt ein wundervolles Gedicht dazu ein, das ich dem anglo-amerikanischen Dichter David Whyte verdanke. Es stammt nicht von ihm selbst, sondern von David Wagoner, einem amerikanischen Ethnologen und Poeten. Und es handelt davon, dass wir den sense, den Sinn, die Richtung in unserem Leben immer nur dann finden, wenn wir den Mut aufbringen, das Fremde, Andere zu hören – die eigene Stimme, die eigenen Ziele, die eigenen Wünsche verstummen zu lassen.

Das Gedicht heißt „Lost“ (Verirrt) und es ist die Antwort eines Indianer-Ältesten auf die Frage eines Kindes: “What do I do when I am lost in he forest?” Die Antwort des Ältesten lautet:

Stand still. The trees ahead
and bushes beside you
Are not lost. Wherever you are is called Here.
And you must treat it as a powerful stranger.
Must ask permission to know it and be known.
The forest breathes. Listen. It answers.
I have made this place around you.
If you leave it you may come back again.
saying Here.

No two trees are the same to Raven.
No two branches are the same to Wren.
If what a tree or a bush does is lost on you.
You art surely lost. Stand still.
The forest knows
Where you are. You must let it find you.

Ich finde, diese Szene veranschaulicht auf wunderbare Weise, was Längle im Anschluss an Frankl am Ende seines Vortrags sagt: Existenzieller Sinn kann nicht erfunden, er kann nur gefunden werden. Und er wird nicht gefunden, wo wir ihn zu machen oder zu konstruieren versuchen, sondern, wo wir uns bedingungslos aufs Leben einlassen. Da zeigt sich dann auch, dass Sinn eben nicht das Produkt unseres Machens und Könnens ist. „Erfolg“, sagt Längle, „erfüllt nicht, die Hingabe erfüllt.“ Und auch die einfache Hochstimmung des Glücks sei nicht das, worum es dem Menschen letzten Endes geht. „Der Mensch will nicht einfach glücklich sein, er will einen Grund zum glücklich sein“, zitiert er Frankl – und ich kann nicht umhin, ihm für diesen Satz zu applaudieren (auch wenn’s mich ein paar befremdete Blicke kostet J). Leben mit innerer Zustimmung. Das innere JA, das ist es, was das Leben mit existenziellem Sinn durchdringt. Ja, Ja, Ja, so ist es – und es sei mir gestattet, dafür noch einmal Frankl zu bemühen, der das auf wunderbare Weise in „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ beschrieben hat – in einer bewegenden Szene aus seiner Zeit in Dachau: 

„Du stehst im Graben bei der Arbeit; grau ist die Morgendämmerung um dich, grau ist der Himmel über dir, grau ist der Schnee im fahlen Dämmerlicht, grau sind die Lumpen, in die deine Kameraden gehüllt sind, grau sind ihre Gesichter. Wieder hebst du an mit deiner Zwiesprache mit dem geliebten Wesen, oder, zum tausendsten Mal, beginnst du dein Klagen und dein Fragen zum Himmel zu schicken. Zum tausendsten Mal ringst du um den Sinn deines Leidens, deines Opfers – um den Sinn deines langsamen Sterbens. In einem letzten Aufbäumen gegen die Trostlosigkeit eines Todes, der vor dir ist, fühlst du deinen Geist das Grau, das dich umgibt, durchstoßen, und in diesem letzten Aufbäumen fühlst du, wie dein Geist über diese ganze trostlose und sinnlose Welt hinausdringt und auf deine letzten Fragen um einen letzten Sinn zuletzt von irgendwoher dir ein sieghaftes „Ja!“ entgegenjubelt. Und in diesem Augenblick – leuchtet ein Licht auf in einem fernen Fenster eines Bauerngehöfts, das wie ein Kulisse am Horizont steht, inmitten des trostlosen Grau eines dämmernden bayrischen Morgens.“

7. Gute Stimmung

Regen liegt in der Luft, aber es bleibt trocken, da wir durch den Ilm-Park zur Villa Haar spazieren. Es ist sogar mild genug, um im Freien auf der zauberhaften Terrasse zu Mittag zu essen. Eine schöne, ruhige Stunde, die etwas nachschwingen lässt von den großartigen Vorträgen des Vormittags. Nicht nur Alfried Längle, auch Bernhard Küppers war eine Quelle der Inspiration. Besonders für alle, die irgendwie mit Unternehmen zu tun haben – und der Frage nachgehen, wie es gelingen kann, den Sinn für den Sinn dort zu etablieren. Küppers macht das sehr gut. Man merkt, dass er viel Erfahrung hat – und es war eine Freude, ihm zuzuhören. Nun gehen aber gleich die Workshops los. Verflixt, wohin? Der Ayurveda-Koch ist schon überfüllt. Ich entscheide mich für die Stimme – nicht nur, weil Nicola Tiggeler eine strahlende Aura um sich hat, nein, vor allem weil ich als Stimmarbeiter glaube, dort etwas Gutes, Sinnvolles für mich tun zu können.  Na dann…

Die Pause zwischen den Workshops ist kurz – zu kurz, um Nicolas Workshop angemessen zu würdigen. Denn es war richtig gut. Zum einen die Übungen, die sie mit uns gemacht hat. Da kamen alle in gute Stimmung. Dann aber auch wegen ihrer schönen Einführung, bei der sie gekonnt die Brücke zu den Vorträgen der Vormittags baute: Beim Sinn gehe es ja immer auch darum, das Stimmige zu treffen. Und stimmig sei es vor allem dann, wenn die Stimme stimmt. Was nicht immer der Fall ist. Denn es gibt Menschen, die sprechen mit einer Stimme, die nicht stimmt, die nicht wirklich die ihre ist. Und das tut weder ihnen noch ihren Mitmenschen gut. Deshalb beginnt sie damit, uns auf unsere eigene, persönliche Stimme zu stimmen; um so mit uns übereinzustimmen. Was könnte sinnvoller sein, wenn denn Sinn tatsächlich so etwas wie Stimmigkeit ist – Übereinstimmung mit sich und der Welt?

Dass Sinn etwas mit Gestalt zu tun, wird mir beim zweiten Workshop des Nachmittags bewusst. Dieses Mal bin ich bei Ingrid Häring-Guggenberger und bade meine Hände in Stoff – Materie – Erde. Bleibt der Erde treu! Ja, das tue ich jetzt, da ich den Sinn in den Ton zu prägen suche. Da sind meine Finger die Brautjungfern beim Hochzeitsfest von Sinn und Sinnlichkeit, das sich hier mit spielerischer Leichtigkeit zelebriert. Was für ein grandioses Geschehen: mit geschlossenen Augen male ich ein menschliches Gesicht, das mir dann als Vorlage für eine plastische Arbeit dient. Aus dem Dunkel ein schemenhaftes Etwas, das dann sichtbar und fühlbar Gestalt wird. Hier vollzieht sich die Stoffwerdung des Sinns in Zeitlupe zum Hinschauen. Und es geht ganz einfach, ganz einfach…

Und wieder schleicht ER sich herbei:

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich…

Und natürlich muss hier auch noch die vorletzte Strophe vom „Prometheus“ zitiert werden, passt sie doch so wunderbar zu unserem Thema: zum großen JA – zum großen JA, das auch dann noch JA sagt, wenn dunkle Wolken über unserem Leben liegen….

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Wahrlich – kein Grund das Leben zu hassen. Vor allem nicht, wenn man von so vielen guten Geistern umgeben ist wie ich, hier, in Weimar.

Dennoch schmerzt es, im Zug zu sitzen. Für mich sind die Weimarer Visionen heute, am Samstagabend, zu Ende gegangen. Die Familie ruft mich zurück. Und das ist gut so – sinnvoll, bejahenswert. Doch will ich dieses Tagebuch nicht schließen, ohne von meinem letzten Highlight, meiner wunderschönen Erfahrung zu erzählen. Nein, ich meine nicht Leverkusen gegen Bayern, mit Mox und Nicki in der Hotellounge (obwohl das an sich das allerbeste wahr, wenn denn die Bayern nicht so viele Dinger versiebt hätten…) – nein, ich dachte jetzt eher an den Brainlight-Sessel und das Programm 44… Seufz – einmal weggebeamt und zurückgekommen. Im Ernst: Wenn man je von Sinnen ist – wenn der Geist sich auf und davon macht und die Materie irgendwo hinter sich lässt…. – dann ist der Brainlight-Sessel das Mittel der Wahl, um ihn zu re-inkarnieren. Zurück ins Fleisch, zurück in die Sinnlichkeit – um wieder ganz zu werden und das ewige Brautfest von Sinn und Sinnlichkeit neuerlich zu feiern.

www.christophquarch.de


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7. Festspiele des Denkens in Weimar, 5.-7. Oktober 2012

 

Philosophisch-poetisches Tagebuch Weimarer Visionen 2012

Freitag, 5. Oktober, 12.30 Uhr

Die Götter schauen freundlich. Im Genztschen Treppenhaus blicken sie in stiller, ewiger Klarheit auf die bunte Schar hernieder, die gemessenen Schrittes aufwärts strebt. Der Regen hat aufgehört. Scharfes Herbstlicht schneidet durch die hohen Fenster. Olympische Klarheit. Wie anders sollte es sein, wo doch der Geist des Olympiers – der Geist Goethes – beschworen werden soll. Vielleicht auch, dass er schon da ist; zurückgekehrt mit seinem „Stellvertreter auf Erden“, als welcher uns Manfred Osten, der erste Redner der 7. Festspiele sogleich vorgestellt werden wird. Weimar leuchtet.

Es ist schön. Der festliche Saal im Schloss nimmt die knapp hundert Menschen freundlich in sich auf. Man kennt sich bereits. Es liegt ein Hauch von Familientreffen liegt in der Luft. Gespannte Vorfreude, gehobene Stimmung – Freude über das Vertraute paart sich mit der Neugier auf das Unbekannte. Lächelnde Gesichter, Shakehands. Da sind wir wieder. Die Festspiele können beginnen.

Freitag, 5. Oktober, 16.00 Uhr

Was für ein Vortrag! Sensationell. Wahrlich, wahrlich – das war Goethes Stellvertreter auf Erden; und was er mit sich brachte, nun, das war der ganz weite Blick. Die Souveränität einer großen, herrlichen Seele, die den Geist des Reiches in all seinen Kontinenten bereist hat. Die Klarheit des nachmittäglichen Herbstlichts durchdringt nun den Innenraum. Dank Manfred Osten. Er hat uns den Weg zur Quelle gewiesen – zum Ur-Sprung; dorthin, wo der nachgerade prophetische Geist Goethes von 200 Jahren die Sollbruchstellen des neuen (Un-)Geistes ausmachte, der Europa in seinen Augen zu überwuchern drohte – und der Europa weiß Gott derweil überwuchert hat.

In einem Brief an Goethes Freund Zelter hat Manfred Osten den Namen dieses Ungeistes entdeckt: „Velocifer“ heißt er – ein Wortspiel aus Velocitas (lat.: Geschwindigkeit) und Luzifer, dem Teufel.

„Alles ist jetzt ultra“ hatte Goethe einst seinem Freund geschrieben und damit zum Ausdruck gebracht, dass neuartige Dämonen die Menschheit umklammern: Besitz und Geschwindigkeit. Eine unheilvolle Kombination, wie Goethe meinte – und wie Manfred Osten mit Verve seinen gebannten Zuhörern plausibel macht. Es ist einfach großartig: eine gute, plausible These, souverän vorgetragen, gewürzt mit Bonmots, und dabei so erschütternd, dass sie allen unter die Haut geht. Der lebende Beweis für die Wahrheit des von Kierkegaard herrührenden Satzes, den Osten zitiert: „Das Leben wird nach vorwärts gelebt, aber nach rückwärts verstanden.“ Bei Manfred Osten lebt der Geist von Weimar auf – aber das in einer überraschenden Form: in Gestalt der vielleicht frühesten und dabei zugleich so fundierten Kritik der heute die westliche Welt umklammernden geistigen Formation des Ökonomismus. Selten, wird mir da klar, war die Klassik so zeitgemäß wie heute. Nur dass wir davon oft nichts wissen wollen.

So jedenfalls kommt es bei den Ausführungen von Professor Peter Wippermann heraus. Er spricht von Zahlen und Trends, die er durch Auswertung von Internetdaten gewonnen hat. Das Ganze ist interessant, gut recherchiert und eloquent vorgetragen. Ich bin verblüfft zu erfahren, dass Freiheit heute für viele Menschen durchaus wieder eine hohe Bedeutung hat. Aber irgendwie macht es bei mir nicht Klick. Irgendwie fehlt mir der Geist von Weimar. Oder hatte Osten die Latte einfach zu hoch gehängt. Oder bin ich einfach zu voll, um noch Neues aufnehmen zu können?

Freitag, 5. Oktober, 24.00 Uhr

Puh, ein langer Tag geht zu Ende. Und schon beginnt zu verblassen, was am Nachmittag noch das Herz bewegte. Neue Eindrücke lagern sich darüber – ein festlicher Abend voller Kunst und Konversation, eingebettet in das wunderliche Interieur des Schießhauses – eines Ortes, bei dem sichtbarer Niedergang und spürbarer vormaliger Glanz einander die Waage halten. Hier sammelt sich die Großfamilie; leger, wie es der Dress-Code vorsieht, an runden Tischen mit Buffet. Das Essen ist köstlich, der Wein beschwingt den Geist – und am Ende des Tages gelingt es zu meiner großen Verblüffung dem DJ Ali Escobar, den Kongress tanzen zu lassen. Mir ist, als hielte der alte Dionysos heimlich nun Hof – als könne es gar nicht anders sein, nach einem solchen Übermaß an apollinischer Klarheit und Geistigkeit.

Ja, der goldene Apoll ließ es sich nicht nehmen, durch Kunst und Klang evoziert zu werden. Das jedenfalls war der Schlussakkord des Nachmittagsprogramms im Schloss. Peter Heindl war mit riesigen Hightech-Lautsprechern und einem gülden glänzenden Reliefbild aus Berlin gekommen, um die Weimarer Gemeinde in himmlische Sphären zu entführen. „Regeneration statt Erholung“ ist der Slogan seines Happenings namens „Evokation“. Es handelt sich dabei um – wenn ich‘s denn richtig verstanden habe – angewandte Quantenphysik. Ton und Licht werden synchronisiert, um die Quantenbewegung in den Zellen meines Körpers zu vitalisieren oder zu harmonisieren – eine Art Zellmassage durch die Sinne. Hm, ich selbst bin dabei eigentlich nur müde geworden – irrsinnig müde… und bin eingenickt. Wer weiß, was ich verpasst habe.

Und dann war da noch der Vortrag von den Küstenmachers – die Farbenlehre des Bewusstseins: sehr aufschlussreich und charmant vorgetragen. Ich glaube, dem guten Goethe hätte das gefallen. Denn dass Freiheit sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Seele je anders buchstabiert, hat wohl auch er gewusst. Mei, das war ein voller Tag – was soll erst morgen werden, wenn wir 24 Stunden Weimar genießen dürfen? 

Samstag, 6. Oktober, 15.30 Uhr

Was war das nun wieder für ein Morgen! Ich hatte den unvergleichlichen Herrn Nasdala ja schon letztes Jahr in Weimar erlebt und hatte mich daher schon darauf gefreut, mit ihm zu früher Stunde durch den herbstlich bunten Ilm Park zu schlendern. Es ist dies ja doch ein zauberhaftes Stück Erde, das mich jedesmal verzaubert, wenn ich dort bin. Der Weg hinunter zum Fluss, der Blick auf Goethes Gartenhaus, die Morgensonne über den tautriefenden Auen. Hier berührt mich die vollkommende Harmonie von Kunst und Natur, Poesie und Leben.

Ja, und wenn dann Herr Nasdala den Morgenspaziergang mit dem einen oder anderen Schwank aus dem alten Weimar bereichert, von Goethes und des Herzogs frivolen Abenteuern in der Mooshütte plaudert, dann geht einem das Herz vollends auf. Schon beim zweiten Mal erlebe ich diesen Gang durch den Park als eine Art heiliges Ritual, bei dem der „Goethesche Geist“ angerufen und gefeiert wird. So lange es die Festspiele des Denkens gibt, darf dieses Ritual nicht fehlen. Das muss doch mal gesagt sein dürfen.

Ganz konnte er dann den unbeschreiblichen Zauber seiner enthusiastischen Rede und freiem Himmel nicht ins Goethe-Museum retten, aber inspirierend und interessant war es allemal, was er dort über Schillers Verständnis der Freiheit und dessen Dichtung in seinen Dramen erklärte. Ach, wenn ich doch nur gleich den Schiller aus dem Regal ziehen und mich in ihn versenken könnte! Gerhard Nasdala macht Appetit auf mehr…

Ja, und dann dieser Herr Corssen – Jens Corssen, was für eine Performance! Ich hätte dem Mann stundenlang zuhören können. Ich weiß zwar nicht mehr genau, was er alles sagte, aber alles, was er sagte, war unterhaltsam und doch geistvoll. „Reframing“ habe ich mir dick aufgeschrieben. Weil der Mann uns gebannt Lauschende dazu inspirierte, einfach mal anders zu denken. Nicht „mein Mann“, sondern „ein Mann“ zu sagen, wenn derselbe über Nacht ausgeblieben ist. Denkmuster aufknacken, Wertungen vermeiden, die Dinge in ein anderes Licht rücken. Eine Art zeitgenössischer Sokrates, so kam es mir vor. Dabei ähnlich unterhaltsam wie der alte Philosoph. Wenn ich könnte, würde ich ihn sogleich als Comedian engagieren. Das hat wirklich Spaß gemacht. Auch wenn ich ihm nicht glaube, dass es keinen Sinn gibt – aber es wäre kleinlich, mit einem solchen Geist in philosophische Subtilitäten zu entweichen…

Wie gern hätte ich dann eine längere Pause gehabt. Jetzt nämlich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Gespräche anheben. Am Anfang war ich doch eher mit denen zugange, die ich schon kannte – jetzt aber begegnen mir bislang Unbekannte und wunderbare Gespräche entwickeln sich. Leider ist die Zeit im „Weißen Schwan“ knapp bemessen. Das hätte ich mir etwas entspannter gewünscht.

Jetzt sitzen die anderen in ihren Workshops im Palais Schardt. Ich schnaufe durch und schreibe an der Laudatio für heute Abend, wenn ich Constantino Ciervo ehren darf.

Samstag, 6. Oktober, 19 Uhr

Schnell noch ein paar Zeilen, bevor ich mich für das Dinner auf Schloss Ettersburg in Schale schmeiße. Aber ich muss doch rasch notieren, was bzw. wer mich heute Nachmittag so beglückt hat: Margerita Hayer, dieses unfassbare kasachische Energiebündel, das mich zum Atmen und Singen gebracht hat. Panta rhei – alles fließt. Das haben wir nicht nur gesungen, das spüre ich in jeder Zelle. Vor ihrem Workshop hatte ich Bauchweh und war müde. Jetzt bin ich hellwach. Danke, Margerita!!!

Sonntag, 7. Oktober, 9 Uhr

Uff, die Nacht war kurz, und heute soll ich meinen Vortrag halten. Wenn das man gut geht… Aber der Abend war’s wert. Wunderbare Begegnungen, wunderbare Gäste – und eine Margerita, die mit ihrer Bühnenpräsenz und unwiderstehlichen Erotik sogar noch ihren eigenen Workshop toppte. Wow. Dafür lässt man dann doch gerne den Bus wegfahren und wartet beim Charme eines abgegessenen Buffets auf den nächsten. Macht aber gar nichts, wenn man in wunderbarer Gesellschaft ist und bis zum Morgengrauen weiterschwätzen könnte…

Auch die Idee mit der Preisverleihung war gut. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, Constantino ehren zu dürfen. Und dass Domenico Lucano eigens aus Riace angereist war! Wow, das hat den Festspielen noch einmal eine eigene Tiefe und Kraft gegeben. Auch dass ich an diesem Abend auch noch meinen Freund Gerald Hüther das Tanzbein schwingen sehen würde – das hätte ich mir nicht träumen lassen. Weimar macht’s möglich!

Sonntag, 7. Oktober, 15 Uhr

Heimfahrt im IC, Hektik, Biergeruch, lautes Lachen. Weimar liegt hinter mir. Das Fest ist vorbei. Zwei Tage haben wir das Leben gefeiert, Gemeinschaft gefühlt, Geist verköstigt. Das hat gut getan. Ich reise zurück mit einem Kopf voller Ideen, einer Tasche voller Visitenkarten und einem Herz voller Liebe. Das habe ich wohl nun davon, dass ich mich meinem lieben Hölderlin verschrieben hatte und ihn an der Stätte seiner größten Schmach, im Goethehaus, zu Ehren bringen wollte.

Auch Trauer mengt sich in diese Stimmungslage – Trauer über die Flüchtigkeit des Schönen, gegen dessen Glanz sich das gemeine Leben oft so karg ausnimmt. Aber gleichzeitig bin ich versöhnt. Die alten Götter werden mich auch im nächsten Jahr im Weimarer Schloss in Empfang nehmen. Goethes Geist wird auch im nächsten Jahr durch den Ilm Park tanzen. Und die Festspiele des Denkens werden erneut das Leben feiern – inshalla. Auf denn, nächstes Jahr in Weimar…

 

 

 

                                                                                                                                               

 

 

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6. Festspiele des Denkens in Weimar: 1.- 3. Oktober 2011

 

1. Oktober 2011

Himmel, wie viel Schönheit! Weimar im Spätsommer, mildes Abendlicht, die Mondsichel über Goethes Haus am Frauenplan. Herbstlaub im Ilmpark. Die Menschen flanieren durch die Gassen. Weimarer Visionen. Der Genius Loci verlangt Poesie. Aber dafür bin ich nicht da. Noch nicht. Oder doch? — Ah, pardon, ich vergaß, mich vorzustellen. Christoph Quarch ist mein Name. Und ich habe das Glück, Teilnehmer der Weimarer Visionen 2011 zu sein. Naja, und darüber hinaus bin ich von den Initiatoren gebeten worden, ein bisschen von hier zu bloggen; nur für den Fall, dass Sie so ein bisserl teilhaben wollen an den Festspielen des Denkens, die hier gefeiert werden.

Ja, gefeiert, das ist das richtige Wort. Ich bin ja nun zum ersten Mal hier und noch nicht so vertraut mit dem Ganzen. Aber das merkt man sofort: Hier herrscht Feierstimmung in diesem zauberhaften Schloss, umgeben von steinernen Göttern, unter dem funkelnden Himmel der Kronleuchter. Mei, wie viel Schönheit auch hier. Der alte Goethe hätte seine Freude daran gehabt. Nicht nur am wolkenlosen Himmel, wie Gerhard Nasdala, der erste Referent des Nachmittags zu Beginn seines Vortrags anmerkte. Nein, der gute Goethe hätte auch Spaß gehabt an dieser Zusammenkunft von Menschen, die aus allen Ecken Deutschlands gekommen sind, um in dieser Symbiose von Schönheit und Geist nach den Quellen der Kraft zu suchen.

Goethe war ja alles Innerliche suspekt. Er suchte die Kraft in der Begegnung mit Menschen, klugen Geistern, der Kunst und vor allem der Schönheit. Ich stelle mir vor, wie er den Worten der Referenten lauscht, mal skeptisch, mal zustimmend, aber immer neugierig. Und empfänglich für all das Gesagte. Gewiss hätte freundlich genickt bei Rebecca Reinhards Variationen auf des alten Horaz’ Leitwort “Carpe Diem”. Und ich denke, er hätte auch Friedhelm Borscherts Ausführungen über Achtsamkeit in der Welt des Business aufmerksam gelauscht; auch wenn ihm das Asiatische daran eher fremd gewesen wäre. Naja, und kluge Politikkundige und philosophierende Physiker wie Werner Weidenfeld und Herbert Pietschmann wären sicher ganz nach seinem Geschmack. Zumal sich durch alle Voten eines hindurchzog, was nach den Ausführungen von Gerhard Nasdala für meinen Goethe ein große Kraftquelle war: die Neigung. Also, das liebevolle, fast erotische Verhältnis vom Redner zu seinem Stoff. Das macht Lust auf mehr, und passt zu all der Schönheit.

Jetzt muss ich los: WahlVerwandtschaften — Die interaktive Nacht der Inspirationen stehen auf dem Programm. Puh, “Nacht” verheißt anstrengend zu werden. Zumal mir schon jetzt der Kopf brummt. Aber sei’s drum. Die Wahlverwandtschaften — habe ich schon immer gemocht. Also, bis morgen!

2. Oktober 2011

Und es geht gerade so weiter. Heute morgen nun …— wie soll man sagen — ein Herbstmorgentraum; in Gestalt eines Spaziergangs mit dem unglaublichen Herrn Nasdala, der zu früher Stunde eine stattliche Gruppe von gut dreißig Leuten auf den Spuren von Franz Liszt durch Weimar führte. Liszt steht dieses Jahr hier hoch im Kurs: 200. Geburtstag, viel Festivitäten in Weimar. Offen gestanden geht’s mir mit ihm aber so wie den meisten: Den Namen kennt man, aber viel mehr auch nicht. Nasdala jedenfalls tröstete seine morgendlichen Wandergenossen mit dem Hinweis, dass selbst Musikkenner nicht mehr als 5 Prozent seiner Werke kennen… – Nun weiß ich immerhin, dass der Abbé, wie man ihn hier ob seiner katholischen Verankerung nannte, ein ziemlich wilder Lebemann war, der für manchen Skandal in Weimar sorgte. Apropros Skandal: Über Goethes Liebesleben und die Eifersüchteleien der Frau von Stein haben wir auch schon vieles gelernt. Aber stopp, das Programm geht weiter und wir musizieren, Hilfe! Ich komme gleich zurück…

So, hui, das war witzig. Unser guter Otmar hat die Sache zum Laufen gebracht. Das war nun schon sein zweiter großer Auftritt; nach gestern abend, bei der magischen Nacht. Da hat er mir nicht nur nachhaltig klar gemacht, was ein “Wirtschaftskabarettist” zu leisten vermag. Sondern da hat er auch noch den Kongress zum Tanzen gebracht. Wirklich magisch… – Ach ja, die Weimarer Visionen sind in Schwung gekommen. Die Menschen reden, lachen — denken. Schön, um beim Thema zu bleiben.

Junge, Junge, jetzt schwindelt’s mich. Ulrich Bauhofer spricht und tischt zahlen auf: Jeden Tag bilden wir 600 Milliarden Zellen neu. Haben 70 Trilliarden synaptische Verschaltungen im Gehirn, mehr als Gestirne im Universum. 10 hoch 28 Atome, von den 98 % pro Jahr ausgetauscht werden. Seine Schlussfolgerung: Eigentlich sind wir nichts. Und wir sind dauernd andere. Das heißt: ich bin gar nicht mein Körper. Prima, dann gehört dieser blöde Husten auch nicht zu mir. Finde ich tröstlich.

Okay, unser Körper ist nicht unser Selbst, aber was dann? Der Geist — ne, auch nicht. Ändert sich auch dauernd. Was dann: Ich bin, sagt Bauhofer, eine Welle im Ozean des Seins. Und das kann ich erfahren, wenn mein Geist zur Ruhe kommt. Da kapiert die Welle, dass sie in Wahrheit Ozean ist. Und damit wird sie sich dessen bewusst, was bleibt und Bestand hat, anders als diese 10 hoch 28 komischen Atome dieses hustenden Körpers…

Ah, Körper, da ist er jetzt wieder. Was braucht der Körper, um diese Erfahrung zu unterstützen, fragt er sich. Die Antwort, wenn ich’s richtig verstehe, ist: Balance. Dafür hat er ein schönes Bild: Das Leben ist ein fortwährender Seiltanz. Und das Seil ist das Selbst. Darin muss ich verankert sein, um gut auf dem Seil zurecht zu kommen. Nur so kann ich mich fortwährend ausbalancieren. Hm, da fällt mir Nietzsche und sein Zarathustra ein: “Der Mensch ist ein Seil gespannt zwischen Mensch und Übermensch”. Passt dazu: Das Selbst ist auf dem Weg, ist ein Weg, ich bin ein Weg, der kein Ziel hat, aber immer für sich wundervolle Erfahrungen ermöglicht: immer dann, wenn die Balance da ist; wenn’s stimmt. So wie bei unserem Spaziergang heute morgen. Ach ja, da schließt sich wieder der Kreis.

Jetzt redet Professor Ulrich Wanke. Junge, Junge. Der stellt erstmal eine ganz neue Weimarer Vision vor: Das Leben wird — man glaubt es kaum — programmierbar. Also von uns durch unseren Geist formbar. Auch durch unseren Willen? Schleicht hier der Geist des berühmtesten Patienten Weimars durch die Hallen? Ist Nietzsche unter uns, und sein Willen zur Macht: zum Machen der Welt nach unserem Bilde? Aufregend. Denn immerhin liefert der Professor auf seinen 120 Powerpoint-Charts (puh!) eine physikalisch-philosophische Theorie dafür, wie das funktioniert, wie der Geist die Materie formt. Superspannend übrigens auch im Sinne von “kontrovers”. Denn am Ende gehen die Physiker aufeinander los. Professor Pietschmann ist gar nicht zufrieden mit Professor Wanke. Zankapfel sind die Spins. Wobei mir gefällt, was Pietschmann sagt: Alles, was wir im subatomaren Bereich beobachten können, lässt sich nur in falschen Bildern darstellen. Da fällt mir Platon ein, der sagte, man könne die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, nur in Mythen beantworten. Was also bedeutet, dass hier unterschiedlich Mythen zur Diskussion stehen. Und das Schöne daran ist: Mythen können wahr sein, auch wenn sie einander widersprechen.

Wobei über eines zwischen den Professoren doch Einigkeit besteht: Die Welt ist Geist — Geist schafft die Welt. Einerseits finde ich das sehr ermutigend, weil auf diese Weise wirklich Veränderung zum Guten möglich ist. Aber andererseits heißt das wohl auch, dass ebenso der Ungeist die Welt kreiiert. Will sagen: Jetzt stellen sich die großen Fragen der Ethik neu: Woher wissen wir, wie und wohin wir unseren Geist richten sollen? Schade, jetzt bräuchte man doch noch mehr Zeit zum Diskutieren.

Und jetzt — täterätä — kommt die Message aus der Badewanne. Im Ernst. Es ist Workshop-Zeit, und ich hatte offenbar einen guten Riecher und bin bei Susanne Vogel gelandet. Ehrlich gesagt habe ich mir den Namen der Methode, mit der sie arbeitet, nicht merken können, aber ihr Angebot, Entspannung als eine Quelle der Kraft anzubieten, hat mich auf Anhieb angemacht. Dabei konnte ich noch gar nicht ahnen, dass sie mit uns Workshoppern unter die große alte Buche vor der Villa Haar gehen würde, um dort zu arbeiten. Oder hatte ich mir dieses Setting vielleicht Kraft meines Geistes selbst kreiiert…? Naja, das wäre vielleicht doch zu viel des Guten. Fest steht jedenfalls, dass es zauberhaft war, an diesem goethianisch-sonnenhaft-klaren Oktobernachmittag im Freien mit Petra Vogel diese Entspannungspraxis zu erproben. Und da kam zuletzt die Badewanne ins Spiel, denn als Höhepunkt des Workshops war es genau diese Situation, die wir imaginierten: Ein heißes Bad. Und ob Sie’s glauben oder nicht: Allein die Vorstellung hat mir ein paar Schweißperlen auf die Stirn gezaubert. Mei, die Lehren des heutigen Vormittags werden so mit Erfahrung unterfüttert: Geist ist wirklich = Geist schafft Wirklichkeit. Immer wieder.

Da steht sie nun, die schlanke Mondsichel über Goethes Haus am Frauenplan. Und wie sollte es anders sein, als dass mir sein Gedicht an den Mond in den Sinn kommt. Ein magischer Augenblick. Mal wieder.

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick,

Wie des Freundes Auge mild

Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz

Froh- und trüber Zeit,

Wandle zwischen Freud’ und Schmerz

In der Einsamkeit….

Ich nutze die Pause vor dem Kommunikativen Dinner für eine kleine Besinnung. Wir reden über die Quellen der Kraft. Hier in Weimar. Bei Goethe. Komisch, dass noch keiner der Referenten über diejenige Kraftquelle gesprochen hat, die gerade er doch so gut kannte, und von der ich glaube, dass sie nun wirklich DIE Kraftquelle par excellence ist: die Liebe oder Eros, wie ich als alter Grieche und Platoniker so gerne sage.

3. Oktober 2011

00:39 Uhr. Zurück von der Party. Voll und müde. Hilft nicht’s: Körper und Geist haben in seltener Eintracht entschieden, dass es jetzt ins Bett geht.

3. Oktober 2011

Heute morgen spricht Uwe Karstädt, auch er ein Heilkundiger. Wieder geht es um die Kraftquelle Leib: was ja gut verständlich ist, denn unser Körper ist ja basal und grundlegend für all unser Tun und Lassen. Und ich glaube, es gibt niemanden, der nicht aus eigener Erfahrung wüsste, dass ohne einen kraftvollen Körper — gar nichts mehr recht gehen will. Auch Karstädt beginnt mit Zahlen, die etwas von dem ungeheuren Wunder des Organismus verraten: Jeder Mensch besteht aus 80 Milliarden Zellen. Und jede Zelle hat pro Sekunde 50.000 Stoffwechselvorgänge, der Organismus: ein wundervolles Gebilde, das perfekt arbeitet. Was ein Heiler leisten kann: Diesem Gebilde das optimale Umfeld geben, damit es bekommt, was es braucht: Was zuviel ist muss raus, was zuwenig ist, muss rein. Es geht alles ums Maß. Und das ist weitgehend verloren gegangen. Warum: Weil wir reichlich zu viel vom Schlechten haben: von Giftstoffen und Stress. Und zu wenig haben wir an Nährstoffen, die die ausgelaugten Böden der industriellen Landwirtschaft nicht mehr hergeben. Das da Gegensteuern Not tut, leuchtet unmittelbar ein. Ich glaube, ich werde Karstädts Entgiftungsprogramm ausprobieren. Und mit Hilfe seiner CDs das Immunsystem zu stärken, würde mir wohl auch nicht schaden…

Als Philosoph geht es einem mit Unternehmensberatern und Coaches öfters wie dem alten Sokrates mit den Sophisten: Man blickt etwas geringschätzig auf diejenigen, die das Wissen der Zeit so übersetzen, dass man etwas Praktisches damit anfangen kann und zieht sich ansonsten gern darauf zurück, als Grundlagenforscher die “eigentliche” geistige Arbeit zu leisten. Aber so wie das schon bei Sokrates ein Missverständnis war — zumindest manchmal — so auch heute. Vor allem, wenn man als Philosoph einen Arnold Weissman hört. Unglaublich! Der Mann redet glasklar, alles was er sagt leuchtet ein, und man denkt sich: Wow, endlich mal einer, der es entschieden, deutlich und zitierfähig ausspricht. Zum Beispiel: “Das gesamte marktwirtschaftliche System basiert auf einem Missverständnis”. Recht hat er. Und Recht hat er, wo er sagt, dass dieses Missverständnis von keinem Geringeren herrührt als von Adam Smith: Wenn jeder seinen Nutzen maximiert, entsteht das größte Glück der größten Zahl, hatte der vor 250 Jahren gelehrt, und eine “unsichtbare Hand” würde schon dafür sorgen, dass es sich ausgeht (wie er sehr zur Freude der Wiener Sektion formuliert). Die “unsichtbare Hand” gibt es aber nicht. In Wahrheit sei es so: Nichts macht erfolgreicher, als andere erfolgreich zu machen. So entsteht ökonomischer Nutzen. Der Sinn eines Unternehmens, sagt Weissman, liegt darin, seine Kunden zufrieden zu machen.

Und wie geht das?, möchte man wissen. Weissman ist um Antworten nicht verlegen: “Die Wirtschaft ist ein Zweig der Biologie im weitesten Sinn”, erklärt er und fragt: “Was lernen wir aus der Natur? – Entweder du passt dich an, oder du verabschiedest dich!” Und vor allem: “Sei einzigartig!” Austauschbarkeit sei das Krebsgeschwür für Unternehmen: “Be different or die!” Aber nicht einfach so. Weissman meint: Finde deine ganz einzigartige Lösung für ein brennendes Problem! Denn wer Probleme lösen hilft, hat es verdient, viel zu verdienen. “Macht euch unverzichtbar und ihr sichert eure Zukunft!” ist einer seiner Slogans.

Daran bleibe ich hängen. Wir sind ja schon auf der Zielgeraden der Weimarer Visionen. Und deshalb kann ich der Versuchung nicht widerstehen, diesen Satz auf die “Visionen” selbst anzuwenden: Haben wir hier auf einzigartige Weise Probleme gelöst und uns unentbehrlich gemacht? Einzigartig sind die Weimarer Visionen gewiss. Probleme haben diese 2 Tage unmittelbar wahrscheinlich nicht gelöst, aber was womöglich noch kostbarer ist: In all den vielen Vorträgen hier sind Sichtweisen, Perspektiven und Interpretationen der Welt und des Lebens vorgetragen worden, die eine neue Ebene des Denkens und des Geistes zu erkennen geben: die Ebene, die wir wohl alle werden erklimmen müssen, um von ihr aus das Schlamassel der Gegenwart aufzulösen. So wie Einstein sagte: Man kann Probleme nicht von der Ebene aus lösen, auf der sie entstanden sind, sondern muss die Ebenen wechseln. Das ist hier geschehen.

Das gilt auch für den letzten Vortrag von Eva-Maria und Wolfram Zurhost. Tja, da kommt sie nun doch noch zu Wort, die Liebe. Als Kraftquelle, als Motor. Klar, man schlägt sich vor die Stirn, natürlich sind Beziehungen eine Riesenkraftquelle für jeden einzelnen — wenn man denn weiß, wie Beziehungen gelingen können. Denn sonst werden sie schnell auch zu schwarzen Löchern im Energiehaushalt. Aber wenn man ein gutes „Energiemanagement“ in seinen Beziehungen hinbekommt, und nicht zwei Ausgelaugte sich gegenseitig noch die letzte Energie absaugen, dann — kann sich die Megakraftquellen Liebe ausbreiten. Und die brauchen wir wohl alle am meisten. Womit man jetzt wieder zu Goethe kommen könnte, aber das lassen wir.

Denn jetzt sind die Festspiele des Denkens für diese Mal rum. Und gleichzeitig hat viel Neues begonnen. Kontaktfäden wurden gesponnen, Projekte verabredet, Ideen ausgetauscht. Es geht weiter, womöglich sogar nach Griechenland! Also so richtig mitten hinein ins Herz des Deutschen Geistes (Herz des Deutschen Geistes — hm, gibt es sowas? Ich weiß nicht…; egal). Jedenfalls freue ich mich auf weitere Begegnungen und fahre heim mit dem guten Gefühl, an den Quellen der Kraft gewesen zu sein: Menschen begegnet zu sein, die mit Lust, Leidenschaft, Begeisterung und Eros das Leben feiern. Wie schön!

Also, servus, macht’s gut. Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr in Weimar.

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